Gestern habe ich Schreibzeug gefunden und direkt, ohne mir viele Gedanken darüber zu machen, angefangen zu Schreiben. Es ist einfach nur befreiend endlich ein Ventil zu haben. Es ist so unglaublich viel passiert im letzten Jahr das es mir oft wie ein schlechter Film vorkommt. Jetzt da ich die Möglichkeit habe festzuhalten was Geschehen ist, werde ich dieses Mittel nutzen um meine Eindrücke festzuhalten.
Fakt ist, dass ich mich nun seit mehreren Wochen in einer verlassenen Lagerhalle aufhalte. Es ist ein sicherer Ort ich konnte bisher vermeiden beim Einsteigen in die Halle gesehen zu werden. Mein Vertrauen in andere Menschen habe inzwischen fast restlos verloren. Seit etwa zwei Monaten sind an vielen Orten Plakate angeschlagen. Die Plakate sind im Stil der alten Bundesregierung erstellt. Sie ähneln fast der “Du bist Deutschland” Kampagne die vor ein Paar Jahren das ganze Land überzog. Es wird für das Bundesimplantat geworben. Die Menschen werden aufgefordert einen der Sammelpunkte aufzusuchen oder den Eskorten zu den selbigen zu folgen. Einige Plakate beteuern, dass durch das Implantat die Nahrungsmittelversorgung gewährleistet würde. Aufgrund der Verknappung aller Resourcen und der massiven Anzahl illegaler Einwohner ist der Bezug von Nahrung nur für die Menschen gesichert die sich das Implantat einsetzen ließen. Ich vermute es ist eine Art RFID-Chip der den Menschen eingesetzt wird. In meinen Augen sind die Eskorten, mit ihren schwarzen Masken und den automatischen Gewehren eher eine Art Säuberungstruppe. Es gibt Sammelpunkte in jedem Ort, wer nicht freiwillig erscheint wird von einer Eskorte abgeholt.
Offensichtlich gehen die Truppen nach Meldelisten vor. Allerdings konnte ich noch nicht beobachten was mit den Menschen an den Sammelpunkten geschieht. Vor einigen Wochen bin in eine Kleinstadt gekommen in deren Zentrum sich etwa 200 Menschen versammelt hatten. Ich habe den Ortskern weiträumig umkreist um nicht gesehen zu werden. An einigen Häuserecken konnte ich jedoch einen Blick in die zum Zentrum führenden Straßen werfen, alle Zugänge zum Marktplatz waren von bewaffneten Soldaten gesichert. Es waren einige LKWs gepartkt, Viehtransporter. Einer der Transporter startete und verließ die Stadt in östlicher Richtung, genau konnte ich es nicht sehen aber ich bin mir sicher eine menschliche Hand in einem der Lüftungsschlitze entdeckt zu haben.
Doch es wurden nicht alle Leute abtransportiert, immer wieder wurden einzelne Personen oder auch ganze Familien durch die Absperrung gelassen. Eine Frau von etwa 30 Jahren kam mir bedrohlich nahe, als ich gerade von einem Geräteschuppen im Garten eines Hauses über die Straße in den nächsten Garten lief. Ich denke nicht, dass sie mich sehen konnte, ich war gerade über den Zaun gesprungen und hatte mich hinter die Hecke gelegt als sie um die Ecke der Straße bog. Durch den Zaun konnte ich einen Blick auf die Frau werfen. Sie wirkte sehr apathisch, ihr glasiger Blick war auf ihre rechte Hand gerichtet, die Hand war bandagiert. Für mich zog ich den Schluss, dass die Menschen die Menschen die sich freiwilig das Implantat einsetzen ließen nicht abtransportiert wurden. Sicher ob dies für jeden Freiwilligen galt bin ich mir jedoch nicht.
Ich könnte heute nicht sagen warum ich mich dazu entschied unterzutauchen, es war eine Art innerer Impuls der mich dazu bewegt hat. Den letztlich finalen Auslöser meiner Flucht könnte ich heute nicht mehr nennen. Die Stadt zu verlassen war für mich die einzig logische Konsequenz. Bevor mir das bewusst wurde versuchte ich einige male von offizieller Stelle eine Stellungnahme zu erhalten, doch die Bürgerämter waren fast immer geschlossen und wenn geöffnet von maskierten Milizen bewacht. Meine Freunde und Bekannten waren schwer auffindbar, ohne Handy und Internet musste man Glück haben jemanden zu begegnen den man kannte. Einigen Bekannten bin ich eher zufällig begegnet. Die Gespräche verliefen stets nach dem selben Schema. Keiner wusste was eigentlich genau los war, jeder war bemüht für sich und seine Lieben irgendwas essbares aufzutreiben. Zigaretten waren ein wertvolles Zahlungsmittel geworden. Doch keiner hatte mehr welche übrig. Die wenigen Automaten die noch in der Öffentlichkeit standen waren zu der Zeit längst aufgebrochen worden.
Nachts waren in der Stadt häufig Schüsse zu hören, der Stadtmarkt wurde von Militär bewacht, maskierte Soldaten die neben Panzern einige wenige Marktstände bewachten und jede Person kontrollierten die etwas einkaufen wollte. Wie bereits erwähnt habe ich mich nach dem Verlust meines Jobs mit Tagelöhnerarbeiten über Wasser gehalten, somit konnte ich mir genug Proviant ansammeln um letztendlich aus der Stadt zu flüchten, keinen Tag zu früh wie es mir heute scheint.
Es sind einfach zu viele Punkte die Unklar sind. Ich bin mir sicher das unsere einstige Regierung von einer Art Elite ersetzt wurde die nun versucht das Chaos wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Die Gesellschaft wie wir sie bis Mitte 2011 kannten hat aufgehört zu exsistieren. Heute gilt Auge um Auge, Zahn um Zahn doch so wie es aussieht liegt die Gewalt bei Menschen die Ihre Macht dazu verwenden die Menschheit auf ein notwendiges Minimum von Arbeitern zu reduzieren und sich selbst dabei eine Art Gottstatus zu schaffen.
Wenn man mal die versucht die Welt aus der sicht der oberen 10.000 zu sehen ist es irgenwie nachvollziehbar, dass diese Menschen versuchen den Fortbestand der Menschheit dadurch zu sichern, dass sie große Teile der Gesellschaft aussortieren und den Rest versklaven um sich ein schönes Leben zu machen.
Aber das ist nur meine subjektive Einschätzung der Situation, ich kann nur für uns alle hoffen das ich mich damit irre.
