24.10.2012

26 04 2011

Ich hatte in den letzten Monaten viel zu selten Gelegenheit die Geschehnisse aufzuschreiben, geschweige denn intensiv darüber nachzudenken was eigentlich passiert ist. Ich hoffe ich schaffe es die Chronologie der letzen Monate richtig wiederzugeben.

Bisher musste ich  meistens einfach nur reagieren um zu Überleben. Ich schreibe diesen Text um mir über einige Dinge klar zu werden. Ob er jemals von jemanden gelesen wird ist mir eigentlich egal. Nur soviel steht fest, wenn die Regierung ihn jemals findet wäre es besser ich bin schon lange tod.

Heute ist ein guter Tag, ich habe es sogar länger als eine halbe Stunde geschafft die Lagerhalle zu verlassen. Beinahe wäre ich  einer  Patrouille direkt in die Arme gelaufen. Ich konnte mich gerade noch im Straßengraben verstecken. Dank der Tarnkleidung wurde ich nicht entdeckt, zu meinem Glück waren es auch nur zwei Soldaten und keine Hunde. Ich will nicht riskieren entdeckt zu werden, mir ist klar, dass ich nach erfolgreicher Identifizierung durch eine Patrouille in eines der Lager gebracht werde. Nicht klar ist mir jedoch was genau mit den Menschen in den Lagern geschieht, doch ich bin mir sicher das keiner von dort jemals zurück kommen wird. Dennoch ein guter Tag, ich habe einen Schreibblock und einige Kugelschreiber gefunden.

Wie konnte sich nur so schnell alles in Scheiße verwandeln? Es kommt mir wie gestern vor, dass ich morgens zur Arbeit ging und 9 Stunden meinem öden Job nachging, nach der Arbeit hab ich mir irgendwo was zu Essen geholt und vielleicht noch ein paar Flaschen Bier dann ab nach Hause,  am nächsten Tag ging das Spiel wieder von vorne los. Heute ist jeder Tag eine Herausforderung. Vermutlich wäre ich bereits Monate nicht mehr am Leben, wenn ich nicht dieses alte Lagerhaus gefunden hätte. Hier ist genug Reis gelagert um über den Winter zu kommen. Wasser gibt es hier auch, ich schätze der Tank wird wohl an die 500 Liter fassen, bisher habe ich nicht viel verbraucht. 20 – 30 Liter vielleicht. Den Reis koche ich im Keller an der Nordseite des Gebäudes ist ein kleines Fenster ausdem  der Rauch abzieht, ich denke nicht das dies jemandem auffällt.

Schon Mitte 2011 gab es immer häufiger keinen Strom, angeblich war die Abschaltung der AKWs zu voreilig veranlasst was zu einem zusammen bruch der Stromnetze führte. Die Medienberichte wollte und konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht ernstnehmen. Nicht das es mich sonderlich interessiert hätte ich war wie die meisten zu der Zeit an ganz anderen Dingen interessiert. Aufgrund der Hyperinflation sind im Sommer die Preise für Lebensmittel sowie für alles andere rapide gestiegen. Im August war es schon kaum noch möglich mit  Geld für irgendwas zu bezahlen, es verlor einfach zu schnell an Wert. Alles was nicht zum Überleben benötigt wurde versuchte man gegen Narung einzutauschen. Aber wer braucht schon DVDs und Computerteile wenn es kaum genug Strom für die Lampen gibt. Als Verkäufer von Computerzubehör wurde ich von der ersten Entlassungswelle voll erwischt hat. Danach konnte ich mich noch eine Zeit lang mit Helferjobs bei wohlhabenderen Bürgern über Wasser halten. Doch auch deren Vertrauen ließ immer mehr nach. Ich war schon zufrieden wenn für einen Tag Arbeit ein warmes Essen bekam. Häufig war das schon zu viel verlangt.  Ein echter Glücksgriff ist mir im Juli gelungen als ich einem alten Landwirt beim Schlachten seiner letzten beiden Kühe geholfen habe. Er gab mir neben einem guten Kilo Dörrfleisch eine alte Luger und zwei Schachteln mit Munition. Ohne die antike aber zuverlässige Pistole hätte ich es wohl kaum bis hier geschafft. Anfang August musste ich meine Wohnung aufgeben, ich hatte ohnehin schon fast meinen ganzen Besitz gegen Nahrung oder Kleidung eingetauscht, war ich gezwungen mit meinem Schlafsack jeden Abend ein neues Quartier zu suchen.

Kurz darauf habe ich die Stadt verlassen, dort war es einfach nicht mehr sicher, viel zu viele Leute waren Nachts auf den Straßen unterwegs und suchten neben einem sicheren Schlafplatz häufig auch die nächste Gelegenheit jemandem sein Hab und Gut abzunehmen. Die meisten Menschen waren auf eigene Faust unterwegs. Familien wurden zu dem Zeitpunkt noch von staatlichen und kirchlichen Einrichtungen versorgt. Als Einzelgänger hatte ich von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten. Versucht habe ich es nicht da ich mich nirgends namentlich registrieren wollte. Vermutlich waren die Missionsplätze bereits Vormittags belegt. Viele der Häuser und Hallen die leer standen wurden von Ihren Besitzern bewacht. Einbrecher wurden erschossen, die Polizei schien das nicht zu interessieren, man sah die Ordnungshüter eigentlich nur noch bei Großeinsätzen zum Vorschein und glich eher einer anonymen Armee.

Kurz bevor ich der Stadt endgültig den Rücken gekehrt habe erzählte mir ein pensionierter Lehrer, während wir seinen Vorgarten um gruben in dem er Nahrung für sich und seine Familie anpflanzen wollte, von nächtlichen Einbrüchen der Staatsarmee in die Häuser seiner Nachbarn. Er habe Beobachtet, wie scheinbar wahllos ganze Familien, abgeführt und Lastwagen verladen wurden. Wahllos wirkte es auf ihn,  nicht nur weil er verschont wurde.  Die Häuser von fast allen Ausländern in der Straße wurden nachts von bewaffneten Gruppen gestürmt und die Bewohner abgeführt wurden. Da jedoch auch einige seiner deutschstämmigen Nachbarn abgeführt wurden konnte er kein klares Schema erkennen. Mit welcher rechtlichen Grundlage dies passierte konnte er sich nicht erklären. Die Zeitungen und das Fernsehen waren zu diesem Zeitpunkt schon lange verstummt und ein funktionierender Internetzugang war vermutlich schon seit Anfang Juli nicht mehr zu bekommen. Es gingen zwar Gerüchte herrum das es drastische Gesetzesänderungen gegeben hat, ebenso sollte schon seit geraumer Zeit der Ausnahmezustand für ganz Deutschland ausgerufen worden sein. Doch sicher bestätigen konnte es niemand, es waren eben nur Gerüchte.

Das Gespräch mit dem Lehrer veranlasste mich dazu nach Möglichkeit nicht mehr aufzufallen ich legte mir Tarnkleidung zu und versuchte wann immer möglich die Menschenmenge zu meiden. Oft genug habe ich un unmittelbarer Umgebung Schüsse gehört, mal vereinzelt und dann wieder regelrechte Sperrfeuer, jedoch habe ich nie irgendwo einen toten liegen sehen. Außerdem konnte ich nie sehen wer von wem beschossen wurde.

Ich werde versuchen nun täglich einen neuen Eintrag zu schreiben. Ich hoffe sehr das ich es schaffe meine Gedanken so strukturiert auf Papier bringen zu können, das mir dadurch irgendwann, wenn auch nur ansatzweise, klar wird was mit unserer Gesellschaft geschehen ist. Es ist dunkel geworden draußen, besser ich lösche das Feuer.


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s




Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 53 other followers